Liebe Leserin, lieber Leser,
zunächst etwas Werbung, von Apple: »Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone.« So stand es 2019 auf einem riesigen Plakat in Las Vegas. Es war eine Anspielung einerseits auf die Stadt selbst, die berühmt ist für den Satz »Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas«, andererseits auf Unternehmen wie Google und Facebook, deren Geschäftsmodell auf nutzerdatenbasierter Werbung beruht.
Der Satz klingt im Nachhinein ein wenig zynisch, wenn man an die Enthüllungen des »Pegasus-Projekts« über die gleichnamige Überwachungssoftware des israelischen Unternehmens NSO denkt. Wer sich die einfängt, gibt absolut alles preis, was auf seinem iPhone passiert. Aber da reden wir von vielleicht einigen Tausend unter den mehr als einer Milliarde iPhones, die in Gebrauch sind.
Vergangene Woche jedoch hat Apple für den Herbst neue Funktionen unter anderem für das iPhone angekündigt. Sie werden im ersten Schritt alle US-Nutzerinnen und -Nutzer betreffen, die iOS 15 installieren. Also zig Millionen Menschen. Apple will ihre Fotos vor dem Upload in die iCloud nach bekannten Abbildungen scannen, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. Zudem will das Unternehmen die iMessages von Kindern vorsorglich auf »sexuell explizite Fotos« überprüfen, die ihnen geschickt oder von ihnen gesendet werden. Beides soll nur lokal auf den Geräten passieren, aber schlagen die Systeme an, erfahren unter Umständen andere davon. Die ersten Details haben meine Kollegen und ich hier ausführlich beschrieben – weitere dürften bald folgen.
Die geplanten Neuerungen erfordern eigentlich eine kleine Anpassung der Werbung. Künftig müsste der Satz lauten: »Was auf deinem iPhone passiert, erfahren möglicherweise Apple-Mitarbeiter, die Polizei oder deine Eltern.«
Apple-CEO Tim Cook: Konsequenzen nicht nur für Apple-Kunden
Foto:BROOKS KRAFT / AFP
Ob die Apple-Kundschaft auf so eine Werbung anspringen würde, würde ich leise bezweifeln. Auch wenn Missbrauchsbilder millionenfach über populäre Dienste und keineswegs nur im Darknet verbreitet werden: So etwas Schreckliches, Kriminelles tut allenfalls ein Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer.
Aber Regierungen und Regulierern würden solche Werbeplakate wohl gefallen. Denn zum einen fordern sie schon seit Längerem einen verstärkten Einsatz der Techbranche im Kampf gegen Kindesmisshandlung. Zum anderen verlangen Sicherheitsbehörden seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten, Zugänge auch zu verschlüsselter Kommunikation und verschlüsselten Geräten, um Terroristen und Verbrecher überwachen zu können. Apple kommt ihnen allen jetzt einen Schritt entgegen.
Das Unternehmen aus Cupertino bemüht sich zu betonen, dass es erstens ausschließlich darum geht, Bilder von Kindesmissbrauch zu finden und dadurch Täter zu identifizieren und Opfer zu schützen. Und zweitens gebe es Sicherheitsvorkehrungen, die Unschuldige davor bewahren sollten, dass jemals jemand Drittes ihre Bilder und iMessages zu sehen bekomme.
Doch wenn die Infrastruktur erst einmal in Betrieb ist, werden zwei Dinge geschehen: Gewisse Regierungen werden argumentieren, dass man mit der gleichen Technik auch nach anderen Inhalten suchen könnte – und sie werden von Apple verlangen, das auch zu tun. Um welche Art von Inhalten es dann gehen wird, überlasse ich fürs Erste Ihrer persönlichen dystopischen Fantasie.
Am heutigen Montag hat das Unternehmen ein FAQ veröffentlicht, in dem es auf die Frage nach diesem Szenario antwortet: »Apple wird solche Forderungen zurückweisen« und der Prozess sei so gestaltet, dass eine Suche nach anderen Inhalten verhindert werde. Aber Apple macht Kompromisse mit Regierungen wie in China, wenn es ums Geschäft geht, das sollte man nicht vergessen.
Außerdem wird nun der politische Druck auf andere Anbieter wachsen, es Apple gleichzutun. Cloud-Speicher, E-Mails und unverschlüsselte Chats werden schon länger entsprechend gescannt, nicht zuletzt von Google, Facebook und Microsoft. Nun geht es auch um Ende-zu-Ende-verschlüsselte Chat-Apps. Ich bin sicher, dass sich schon bald die ersten Politiker und Sicherheitsbehörden zum Beispiel bei WhatsApp melden und fragen werden, wann die Facebook-Tochter denn zu Apple aufzuschließen gedenkt. WhatsApp-Chef Will Cathcart sagt schon mal, dass er da nicht mitmachen werde.
Apple macht nun zudem vor, wie so etwas auf Betriebssystemebene umgesetzt werden kann statt auf Anwendungsebene. Die Auswahl an Betriebssystemen für mobile Geräte ist aber wesentlich kleiner als die an Chat-Apps. Würden Google und Microsoft beschließen, Android respektive Windows so umzubauen, wie es Apple mit iOS 15 und macOS Monterey macht, hätten Milliarden von Menschen nur noch die Wahl zwischen Systemen, die eine neuartige Überwachungsinfrastruktur beinhalten, und alternativen Systemen, für die es möglicherweise viele ihrer gewohnten Anwendungen nicht gibt.
Mit anderen Worten: Apples Entscheidung wird Folgen haben, nicht nur für Apple-Kunden.
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!
Patrick Beuth
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